Corpsepaint Kitties

2 Einsamkeit

Schon als Herrchen am Morgen das Haus verlassen hat, wusste ich, dass er heute lang wegbleiben würde und habe lautstark protestiert. Ich erkenne diese besondere Art der Aufbruchstimmung. Sie ist anders als an normalen Arbeitstagen, an denen er am Nachmittag oder am Abend zu uns zurückkehrt. Und tatsächlich kommt er erst spät in der Nacht nach Hause. Er säubert die Katzenklos, macht uns etwas zu essen und geht dann ins Bett. Das ist zu wenig! Meine Schwester und ich haben den ganzen Tag auf dich gewartet, haben dich vermisst und wollen jetzt etwas mehr Aufmerksamkeit. Ohne dich ist es langweilig. Man kann kaum etwas machen, außer aus dem Fenster schauen und schlafen. Wir wollen spielen und mit dir kuscheln. Dass du uns so abfertigst, ist gemein. Das haben wir nicht verdient. Ich bin unausgelastet und frustriert wegen dieser Ungerechtigkeit.

Wie jedes Mal, wenn er seine Katzen zurückließ, fühlte er sich schuldig. Es war schon schlimm genug, dass Zann und Banshee an Wochentagen bis zu zehn Stunden praktisch allein waren. Die Mitbewohner, welche sich bei geschlossenen Türen in ihren Zimmern aufhielten, konnten kaum als Gesellschaft für die Katzen gelten. Doch heute war er am Abend direkt nach der Schicht zu einem Spieleabend eingeladen, ebenso am morgigen Tag. Er ging eigentlich nie unter der Woche abends weg, außer er hatte am nächsten Tag Spätschicht. Nur hatten seine Freunde (konnte man sie bereits als Freunde bezeichnen oder waren sie eher Bekannte?) an Wochenenden selten Zeit. Und so hatte er sich überreden lassen, sich unter der Woche mit ihnen zu treffen. Was er nicht alles tat, um die wenigen sozialen Kontakte beizubehalten. Die Katzen hatten schon am Morgen gewusst, was los war. Besonders Zann zeigte das durch lautes Miauen, besonders als der Mann durch die Wohnungstür nach draußen ging. Alles gute Zureden und alle Streicheleinheiten hatten den kleinen Kater nicht beruhigen können, so sehr hing er an seinem Menschen. Während des Spieleabends hatte er ungefähr um 22 Uhr zum ersten Mal gefragt, wie lange sie noch spielen wollten. Die anderen hatten ihn etwas irritiert angesehen und geantwortet, sie würden frühestens in einer Stunde aufbrechen. Dann käme man vor Mitternacht nach Hause und könne danach vor dem Schlafengehen noch etwas zur Ruhe kommen. Die hatten leicht reden. Sie hatten nicht so einen weiten Weg und zu Hause hatten sie keine Verantwortung außer für sich selbst. Keine Kinder oder Haustiere, um die sie sich hätten kümmern müssen. Sie konnten zu Hause direkt ins Bett fallen. Zudem hatten sie sicherlich auch nicht so ein enormes Schlafbedürfnis. Zumindest einer von ihnen kam mit vier Stunden pro Nacht aus. Es war deutlich nach Mitternacht und er lag im Bett. Selbst wenn er sofort einschlief, würde er keine sechs Stunden Schlaf mehr bekommen und das war für ihn das Minimum, um einen Arbeitstag lang zu funktionieren. Bei weniger wurde es unangenehm. Normalerweise schlief er für ungefähr acht Stunden. Zann hingegen wollte ihm keine Ruhe gönnen. Unruhig lief er in der Wohnung herum, miaute und klapperte mit dem Trinkwassernapf. Der Kater war verständlicherweise sichtlich empört darüber, dass der Mann ihn so lang im Stich gelassen hatte und dachte nicht daran, sich schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert. Er konnte nicht einmal sagen, wie viele Stunden er geschlafen hatte. Waren es drei oder vier gewesen? Er schleppte sich zur Arbeit, schaffte es irgendwie, den Tag zu überstehen und nicht einzuschlafen. Den Spieleabend sagte er jedoch ab. Er hätte hingehen können, wäre aber nur körperlich anwesend gewesen. „Nie wieder!“, dachte er sich.