Corpsepaint Kitties

3 Isolation

In dem Schneesturm waren alle seine Sinne wertlos. Der heulende eisige Wind übertönte jedes Geräusch, Hände und Füße waren schon seit langem taub und gefühllos vor Kälte und auch wenn es nicht tiefste Nacht gewesen wäre, hätte man in dem Schneegestöber nicht die Hand vor Augen sehen können. Selbst sein Hirn schien kaum noch in der Lage zu sein, einen klaren Gedanken zu fassen. Es hätte ohnehin nichts zu sehen, hören, spüren, riechen oder schmecken gegeben als Schnee, Eis, Einsamkeit und den bevorstehenden sicheren Kältetod. Die Gewissheit, dass es noch zahlreiche andere Menschen gab, die sich genau wie er durch den hüfthohen Schnee quälten, half nicht im Geringsten. Es gab keine Möglichkeit, sie unter diesen Bedingungen zu erreichen. Hier war jeder auf sich allein gestellt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er entkräftet zusammenbrechen würde. Ein Teil von ihm wünschte sich nichts sehnlicher als genau das und das Verlangen, sich hinzusetzen oder zu legen wurde ständig stärker. Nur kurz ausruhen für einen Moment. Auch wenn das bedeutete, sich nie mehr zu erheben. Wozu überhaupt diese ganze Anstrengung? Es gab hier kein Ziel, kein Woher, kein Wohin, keine Richtung und keine Hoffnung. Es gab nichts, nur die endlose, leere lebensfeindliche Einöde.

Kaum dass er erwacht war, begann die Erinnerung an den Traum zu verblassen. Er wusste bald nur noch, dass dieser anders gewesen war als die üblichen unangenehmen Träume, in denen er sich beispielsweise mit seiner Mutter zerstritt, öffentlich bloßgestellt wurde, eine Prüfung in der Schule vergeigte oder anderweitig versagte. Seine Albträume waren typischerweise recht realitätsnah. Keine Spukgestalten, die ihn verfolgten oder Menschen, die ihn töten wollten. Nein, es waren fast immer soziale Situationen. Das Tageslicht drang durch die Vorhänge des kleinen Zimmers und die Katzen waren schon munter. Wieder einmal hatte er fast zehn Stunden geschlafen und seine pelzigen Schützlinge wurden langsam unruhig, weil sie Hunger hatten. Ihre kleinen Körper kamen naturgemäß nicht so lange ohne Nahrung aus wie der eines Menschen. Trotzdem legten sie eine Geduld an den Tag, die man von Tieren kaum erwarten würde. Er fühlte sich schuldig, sie so lange warten zu lassen. Denn wie jeden Morgen brachte er nicht die Kraft auf, nach dem Erwache zeitnah aufzustehen. Stattdessen lag er noch fast eine Stunde im Bett und sinnierte über die Dinge, die er eigentlich am heutigen Tag würde erledigen müssen. In erster Linie war das die Vorbereitung auf seine Abschlussprüfungen aber auch Aufgaben im Haushalt wie Putzen oder Wäschewaschen. Zann wurde nun doch ungeduldig und veranstaltete allerhand Unfug, um die Aufmerksamkeit seines Herrchens auf sich zu ziehen. Er zerrte Gegenstände aus dem Regal, klapperte mit dem Trinkwassernapf und miaute dazu mit seiner Stimme, die sogar mehr noch als die seiner Schwester an die eines menschlichen Kindes erinnerte. Nachdem der Mensch den Kater ausgeschimpft hatte, stand er schließlich auf und machte erst den Katzen und anschließend sich selbst Frühstück, das er lustlos in sich hineinschob. Danach rasierte er sich und putzte sich die Zähne. Ein letzter Überrest von Routine in der Ausgangsbeschränkung. Seine Ausbilderin hatte ihn von der Arbeit im Betrieb freigestellt, nicht nur aus Gründen der gesundheitlichen Sicherheit, sondern auch um ihm Gelegenheit zu geben, sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Er setzte sich an den Schreibtisch und versuchte vergeblich, zu lernen. In den letzten Tagen waren ihm jegliche Disziplin und Konzentrationsfähigkeit abhandengekommen. Zu Beginn der Corona-Krise vor mehreren Wochen hatte es noch ein paar Dinge gegeben, die ihn motiviert hatten. In erster Linie waren dies verschiedene Rollenspiele gewesen. Er war in mehreren Pen-and-Paper- und Play-by-Post-Gruppen aktiv gewesen. Er leitete sogar ein Spiel nur für die junge Frau, in die er verliebt war. Sie wusste nichts von seinen Gefühlen. Für die Dame waren sie womöglich nur Kollegen, Azubis im gleichen Betrieb, die zufällig in etwa das gleiche Alter hatten. Er hatte es geschafft, mit ihr in Kontakt zu treten und fast regelmäßig mit ihr per Messenger zu schreiben, auch wenn sie selten weniger als einen Tag für eine Antwort brauchte. Für ihn war das bereits ein kleiner Erfolg, denn er hatte es geschafft, seine Schüchternheit zumindest ihr gegenüber teilweise zu überwinden. Auf das Spiel mit ihr am Wochenende blickte er mit gemischten Gefühlen. Einerseits freute er sich, dass er sie ein wenig für eins seiner Hobbys hatte interessieren können und dass er bisher eine ganz gute Arbeit gemacht hatte, sie zu unterhalten. Andererseits löste es auch Unsicherheit und Angst in ihm aus, ob ihr seine Ideen für die Handlung und die Charaktere weiterhin zusagen würden und nicht zuletzt ob sie ähnlich für ihn als Person empfand wie er für sie. Grundsätzlich waren Rollenspiele jedenfalls für ihn der ultimative Eskapismus. Er genoss es, für eine Weile in eine fiktive Welt einzutauchen, in der vieles deutlich einfacher erschien als in der echten. Und so gab es manchmal noch Zeiten, in denen er sich dazu aufraffen konnte, produktiv zu sein, auch wenn sie zunehmend seltener wurden. Dieser Tag zählte jedoch nicht dazu. Er las nun schon zum bestimmt zehnten Mal dieselben Zeilen seiner Notizen im Berufsschulordner, ohne dabei auch nur ein einziges Wort aufgenommen zu haben. Es war zwecklos. Er schob den Ordner beiseite. Er würde es später noch einmal versuchen. Oder morgen. Wem machte er eigentlich etwas vor? Später würde es genauso wenig besser sein wie morgen. Er seufzte leise und sank kraftlos auf dem Stuhl zusammen. Was sollte er jetzt tun? Er wusste nicht, wie das alles weitergehen sollte. Er lag weit hinter dem Pensum zurück, das er rein rechnerisch bei gleichmäßigem Lerntempo erreichen müsste, um auch nur einigermaßen für die Prüfungen vorbereitet zu sein und es schien keine Besserung seiner geistigen Leistungsfähigkeit in Sicht. Ob es wohl helfen würde, über seine Probleme zu sprechen? Es wurde immerhin empfohlen, auch in der Ausgangsbeschränkung Kontakt mit anderen Menschen zu halten. Aber mit wem? Zu seinen Eltern und seiner restlichen Familie hatte er kein allzu vertrauenswürdiges Verhältnis und den wenigen Freunden, zu denen er noch Kontakt hatte, vertraute er kaum jemandem so sehr, dass er ihnen Einblick in seine Seele gewähren wollte. Sicher, er hatte mehreren Personen gegenüber erwähnt, dass er Schwierigkeiten hatte, sich aufs Lernen zu konzentrieren. Aber sich ihnen vollkommen zu öffnen und ihnen die wahren Gründe dafür zu nennen, dazu hatte er sich nicht überwinden können. Zu tief saß seine Angst vor Ablehnung und davor, anderen zur Last zu fallen. Denn nach wie vor waren psychische Krankheiten mit einem Stigma behaftet oder sie wurden schlicht falsch oder überhaupt nicht verstanden. Und je schlechter es ihm ging, desto weniger Mut hatte er, überhaupt mit anderen Kontakt aufzunehmen. War die coronabedingte Isolation für normale Menschen unangenehm, so war sie für Depressive die Hölle auf Erden. Erst recht, wenn die depressive Episode von einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung herrührte. Man stelle sich vor: Eine Person ist ohnehin schon extrem unsicher, ängstlich, schüchtern, hat sehr wenig Selbstbewusstsein und Schwierigkeiten vor allem in sozialen Situationen. Hinzu kommt, dass all jene Ängste verschlimmert werden und das Selbstwertgefühl endgültig niedergemacht wird durch Depression. Und nun bricht das Bisschen Halt im Leben in Form eines geregelten routinierten Tagesablaufs und regelmäßiger sozialer Kontakte durch die Arbeit plötzlich weg. Was bleibt da noch übrig? In seinem Falle war es ein Antidepressivum und die Verantwortung seinen Haustieren gegenüber, welche ihn am Laufen hielten. Dabei war er vor der Pandemie auf einem guten Weg gewesen. Die Depression fast überstanden mit lediglich einzelnen Tagen der Niedergeschlagenheit und die Psychotherapie (insgesamt die zweite in seinem Leben) fast abgeschlossen. Nun saß er hier, unschlüssig. Sollte er noch einmal versuchen, zu lernen, auch wenn er wusste, dass es sinnlos war? Mehrere Minuten lang schaute er den Ordner an und versuchte die Kraft aufzubringen, die Hand zu heben und ihn zu sich zu ziehen. Schließlich gelang es ihm und als er diesmal dieselbe Passage las, hatte er fast den Eindruck, dass ein kleiner Teil der von seinen Augen aufgenommenen Information sein Gehirn erreichte und dort verarbeitet und gespeichert wurde. Da regte sich neben ihm auf dem Kratzbaum etwas. Kurz darauf kamen Banshee und Zann, die sich ihrer Gewohnheit gemäß nach dem Frühstück schlafen gelegt hatten, über den Schreibtisch spaziert, streckten sich noch etwas verschlafen und blickten ihn erwartungsvoll an. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es Zeit für das Mittagessen war. Also erhob er sich schwerfällig und bereitete den Katzen ihre Mahlzeit zu. Er selbst hatte keinen Appetit. Hunger verspürte er zwar, jedoch wäre der Aufwand, etwas zuzubereiten, zu viel für ihn gewesen. Außerdem: Verdiente er es überhaupt, zu essen, wenn er doch ohnehin nichts Produktives tat? Ja, während andere in der Quarantäne Hobbys nachgingen, für die sie sonst keine Zeit hatten, saß er herum und war nicht im Stande irgendetwas fertigzubringen. Er hatte zwar zahlreiche Interessen und Talente, doch seine eigene Unentschlossenheit hatte immer verhindert, dass er sich auf eine Sache spezialisierte. Er konnte es einfach nicht über sich bringen, die anderen Dinge, welche ihm am Herzen lagen, zu vernachlässigen. Er hätte Musiker werden können oder Wissenschaftler oder Sportler, denn er war normalerweise kreativ, musikalisch, sportlich, gebildet und fleißig. Jedoch war er immer einer derjenigen gewesen, die alles ein bisschen, aber nichts richtig konnten. Und so musste er mit ansehen, wie er auf allen Seiten, in allen Bereichen von den Spezialisten übertrumpft wurde. Wie gerne würde er Schlagzeug in einer Band spielen. Ein paar seiner Freunde in seiner ehemaligen Heimatstadt hatten eine Band. Aber er war nicht gut genug, weil er erst vor wenigen Jahren mit dem Erlernen dieses Instruments begonnen hatte und kaum Zeit zum Üben hatte, weil er arbeitete, sich um die Katzen kümmern musste und weil er viel, mittlerweile sogar zu viel schlief. Aus ähnlichen Gründen konnte er auch nicht Sport in einem Verein machen, nur dass hierbei noch eine hartnäckige Entzündung seiner Achillessehnen hinzukam. Er war sich sicher, dass der Heilprozess maßgeblich durch seine psychosomatische Verfassung verlangsamt wurde. Von seinem gescheiterten Studium brauchte er gar nicht erst anzufangen. Den Erfolg der anderen und gleichzeitig den eigenen Misserfolg zu sehen, war entmutigend und nahm ihm die Freude an allem, was ihm etwas bedeutete. Natürlich war das Einstellungssache und somit ein weiterer Punkt, in dem er versagt hatte, denn er schaffte es nicht, eine gesunde Einstellung zu sich selbst herzustellen oder sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Unwillkürlich kamen ihm unzählige Situationen in den Sinn, in denen er Fehler gemacht hatte. Meistens waren das Gespräche gewesen, in denen er etwas Seltsames oder Falsches gesagt hatte. Diese Erinnerungen hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Besonders fatal erschienen ihm jene Begebenheiten, in denen seine heimliche Angebetete anwesend gewesen war. Womit er wieder bei dem Thema angekommen war, das ihm mindestens ebenso viel Sorge bereitete wie die Prüfungen. Er hatte Angst. Nicht nur davor, dass seine Gefühle nicht erwidert wurden, sondern auch vor einer möglichen Beziehung. Das eine wirkte auf ihn so furchteinflößend wie das andere. Die Furcht davor, dass eine geliebte Person umgekehrt nicht ebenso fühlt, konnte wohl jeder nachvollziehen. Doch er stellte sich die Frage, ob er es überhaupt verdiente, geliebt zu werden und ob seine potenzielle Partnerin mit ihm glücklich sein konnte. Schon einmal war er in einer Beziehung gewesen, die sich mit seiner ersten richtigen depressiven Episode überschnitten hatte. Es war für seine damalige Freundin definitiv nicht leicht gewesen, mit ihm zusammen zu sein und er wusste nicht, ob er das noch einmal jemandem zumuten wollte. Vielleicht war es doch besser, alleine zu bleiben und so unnötiges Leid bei anderen zu vermeiden. Er war zu nichts zu gebrauchen und seine Freude an allem wurde getrübt, bis sie sich nur noch selten erahnen ließ und bestenfalls kaum aus mehr als einer Erinnerung an bessere Zeiten bestand. Welchen Sinn hatte sein Leben überhaupt noch, abgesehen davon, dass er zwei Katzen am Leben halten musste? Draußen schien die Sonne und laut Thermometer war es warm. Der Frühling hielt Einzug. Ihm war kalt hier drin.