Corpsepaint Kitties

TRIGGER-WARNUNG:

Die Geschichte enthält teils drastische Beschreibungen von Gewalt gegen Tiere und Menschen sowie von psychischen Krankheiten und Suizid. Sensible Personen sollten sich gut überlegen, ob sie sich diese Geschichte zumuten möchten.

Wenn du selbst Suizidgedanken hast, suche dir professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten, Psychiater oder deinem Hausarzt.

Oder wende dich an die Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 (Deutschland) 142 (Österreich) 143 (Dargebotene Hand/Schweiz)

4 Make a change… kill yourself

Mit jedem Schritt sank er knietief in den Morast ein. Das Vorwärtskommen im Sumpf war langsam und mühsam. Sein Sichtfeld wurde vom dichten Nebel beherrscht. Nur ab und zu tauchte die gespenstische Silhouette eines Findlings oder eines kahlen toten Baumes im Schummerlicht auf. Abgesehen von den matschigen Geräuschen seiner eigenen Schritte, die von der feuchten Luft gedämpft wurden, war es totenstill. Jemand rief nach ihm. Es klang wie die Stimmen von zwei Kindern.

Zwei Stunden hatte er wach im Bett gelegen, bevor er Banshee und Zann von ihrem Hunger erlöst und ihnen Frühstück gemacht hatte. Seit Tagen hatte er immer wieder Kopfschmerzen und Verdauungsstörungen. Aber das allein wäre nicht so schlimm gewesen. Körperliche Schmerzen machten ihm meist wenig aus. Es war das seelische Leid, das ihm zusetzte. Jetzt saß er mit leerem Blick in seinem Zimmer und grübelte. Seine Flamme, für die er vorgestern Abend ein Rollenspiel hatte leiten sollen, hatte kurzfristig abgesagt. Sie habe gar nicht so richtig Lust darauf und das sei wohl nicht die geeignete Einstellung, um zu spielen, womit sie objektiv betrachtet nicht einmal unrecht hatte. Es tue ihr sehr leid und sie hoffe, er würde es ihr nicht übelnehmen. Er hatte ihr geantwortet, dass das zwar sehr schade sei, er es ihr aber nicht übelnehme. Es war keine wirklich große Überraschung gewesen. Er war sich dessen bewusst, dass Rollenspiel ein recht spezielles Hobby war, zu dem viele, bisweilen selbst langjährige Spieler, keinen richtigen Zugang fanden. Aber er hatte die leise Hoffnung gehabt, dass sie das ganze nicht nur als reinen Zeitvertreib sah, sondern auch Zeit mit ihm verbringen wollte. Somit war es für ihn eine der größten Enttäuschungen gewesen, die er sich vorstellen konnte. Dabei hatte es durchaus Anzeichen gegeben, dass sie sich nicht in dem Maße für ihn interessierte wie er für sie. Beispielsweise dass sie eine ihrer Sitzungen vergessen hätte, wenn er sie nicht am selben Morgen angeschrieben hätte, um eine genaue Uhrzeit festzulegen. Oder dass ihre Gespräche meist recht oberflächlich blieben und auch etwas gezwungen wirkten. Er hatte sich bemüht, die Konversationen am Laufen zu halten, obwohl ihm das generell sehr schwerfiel, aber er hätte doch den Eindruck gewinnen müssen, dass ihr daran deutlich weniger lag als ihm. Immerhin wurde ihm nun die Entscheidung abgenommen, ob er es einer potenziellen Partnerin zumuten wollte, ein nutzloses depressives Stück Scheiße, wie er eines war, zu ertragen. Seit besagtem Abend konnte er kaum an etwas anderes als Suizid und seine eigene Unzulänglichkeit denken. Schon zuvor hatte es schlecht um ihn gestanden, aber einen letzten Rest Hoffnung auf ein wenig Licht in seinem Leben hatte es doch noch gegeben. Nun war auch diese Hoffnung erloschen. Wozu also noch leben, wenn das Leben einem nichts mehr zu bieten hatte? Es war doch ohnehin aus utilitaristischer Sicht besser, wenn es weniger Menschen auf dem Planeten gab. Klimawandel, Atomwaffen, bewaffnete Konflikte, Armut und Hunger, all das wäre weitaus weniger verheerend mit einer geringeren Anzahl an Individuen der Spezies Homo Sapiens. Er verachtete die Menschheit für all das Leid, das sie verursachte und gleichzeitig konnte er keinen einzelnen Menschen verachten, dem er gegenüberstand. Es wäre ihm also niemals möglich, die Anzahl der Menschen aktiv zu reduzieren, so vernünftig es auf globaler Ebene auch sein mochte, außer in einem einzigen Fall: Er konnte seinem eigenen Leben ein Ende setzen. Lediglich die Verantwortung seinen Katzen gegenüber hinderte ihn daran, vollends dieser Überzeugung gemäß zu handeln. Aber was, wenn auch sie nicht mehr lebten? Was, wenn das schon sehr bald der Fall war? Dann hielte ihn nichts mehr in dieser Welt. Es wäre so einfach. Eine entschlossene Bewegung und es wäre vorbei mit Banshee und Zann. Kurz und schmerzlos. Vor seinem geistigen Auge sah er seine Katzen – seine Schützlinge, Familienmitglieder – die ihm fast blind vertrauten und in ihm eine Ersatzmutter sahen, mit unnatürlich verdrehten Wirbelsäulen reglos und kalt vor ihm auf dem Boden liegen. Nein, niemals wäre er dazu im Stande! Wie grausam, wie herzlos war er, so etwas überhaupt zu denken? Sein Kiefer verkrampfte sich, er ballte die Fäuste, jeder Muskel seines Körpers war angespannt. Aber nur für einen kurzen Moment, bis ihn wieder die vertraute lähmende Trägheit überkam. Und wie so oft in den letzten Tagen wünschte er sich auch in diesem Moment, jemand möge ihn erschießen oder mit einem schweren Fahrzeug überfahren. Oder besser: ihn von unten nach oben aufschlitzen und langsam ausweiden, denn er hatte keinen leichten oder schnellen Tod verdient.

Er stand an der Klippe. Schätzungsweise dreißig Meter unter sich brandete das Meer gegen die zerklüfteten Felsen. Gleich würde sich das Wasser mit seinem Blut vermischen. Alles Leben kam aus dem Meer und dorthin würde er zurückkehren und dem Wasser dieses Leben zurückgeben, indem er es hier beendete. Noch zögerte er. Er hatte Angst vor großen Höhen. Während er am ganzen Leib zitterte rief er sich ins Gedächtnis, was er hinter sich lassen wollte. All die Pein, jede Erniedrigung und jeden Fehler, den er in seinem Leben gemacht hatte. „Forward, the Light Brigade!“, murmelte er zu sich. Dann Sprang er. Und fiel. Doch der erwartete Aufprall kam nicht. Etwas hatte ihn umschlossen und aufgefangen. Etwas Warmes und Weiches.

Es war noch dunkel und mitten in der Nacht, als ihn etwas aus dem Traum weckte. Er lag seitlich im Bett so wie immer, die Beine leicht angewinkelt, beinahe in Fötusposition. Zwischen seinen Oberschenkeln, Kniekehlen und Waden spürte er den kleinen Körper von Zann, der sich dort zum Schlafen zusammengerollt hatte. Als er die Augen aufschlug, sah er im schwachen Licht, das die Straßenlaterne vor dem Fenster durch die Vorhänge warf, ein weißes Gesicht direkt vor sich, unter der Nase die charakteristische schwarze Verfärbung, die an einen Schnauzbart erinnerte. Banshee blickte ihn mit großen runden Augen an und als sie erkannte, dass er wach war, zupfte sie erneut mit ihrer Pfote an der Bettdecke. Der Mann verstand und hob die Decke an, sodass die Katze darunterkriechen konnte. Dort rollte sie sich zusammen und schmiegte sich an seinen Bauch. Er konnte ihr weiches Fell und ihre Körperwärme spüren und wenige Augenblicke später auch die Vibration ihres Schnurrens.