TheTrooper

TRIGGER-WARNUNG:

Die Geschichte enthält teils drastische Beschreibungen von Gewalt gegen Tiere und Menschen sowie von psychischen Krankheiten und Suizid. Sensible Personen sollten sich gut überlegen, ob sie sich diese Geschichte zumuten möchten.

Wenn du selbst Suizidgedanken hast, suche dir professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten, Psychiater oder deinem Hausarzt.

Oder wende dich an die Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 (Deutschland) 142 (Österreich) 143 (Dargebotene Hand/Schweiz)

1 Tochter

Weg! Ich wollte einfach nur weg von diesem Ort des Grauens. Ich lief – oder vielmehr ich stolperte – auf meinen kurzen wackligen Beinen in die verregnete kalte Nacht hinaus. Vor meinem inneren Auge sah ich noch immer die zerstörte Gestalt meiner Mutter. Unnatürlich verrenkte Gliedmaßen, Blut, das aus ihrer Nase und ihrem Mund tropfte und eine kleine Lache unter ihrem zerschmetterten Kopf bildete. Und diese Augen! Eines der Augen vor Schreck weit aufgerissen, der andere Augapfel aus dem Schädel herausgedrückt, nur noch am Sehnerv hängend. Unweit daneben auf dem Boden die Überreste von zwei meiner kleinen Geschwister, kaum noch als solche erkennbar, kaum mehr als zwei Haufen undefinierbaren Breis aus Fleisch und Körpersäften. Ihre zarten Glieder waren zerdrückt worden von den erbarmungslosen Füßen des enormen, orangen Ungeheuers, das auch meine Mutter getötet hatte. Normalerweise ignorierten die Monster einen, doch wenn man ihnen in die Quere kam, war man chancenlos. Sie achteten kaum darauf, wen sie zermalmten, während sie in Scharen auf ihren schwarzen runden Füßen ihre Bahnen entlangrasten, schnaubend, knurrend, brüllend und widerlich stinkend, schneller als jedes normale Lebewesen es je könnte. Schneller als dass man ihnen ausweichen könnte. Sie waren riesig, hatten einen harten Panzer und glühende Augen, die einen blenden konnten, wenn man direkt hineinblickte. Noch immer floh ich blindlings die Straße entlang über Asphalt und zwischen dunklen grauen, himmelhoch aufragenden Gebäuden, nur getrieben von Angst und uralten, angeborenen Instinkten. Ich wollte mich verstecken, brauchte einen Unterschlupf vor den Monstern und dem Regen, der mich mittlerweile bis auf die Knochen durchnässt hatte. Da sah ich vor mir neben einem Haus einen umzäunten Holzverschlag. Ohne lang zu überlegen, hielt ich darauf zu und zwängte mich auf dem Bauch liegend unter dem Zaun hindurch. Mehrere Mülltonnen standen dort unter einem Dach. Es roch zwar seltsam, aber wenigstens bot dieses Versteck Schutz vor Wind und Regen und verbarg mich vor den Blicken der Ungeheuer und Raubtiere, welche diese Gegend durchstreiften und vor denen unsere Mutter uns bisher beschützt hatte. Bibbernd vor Angst und Kälte kauerte ich mich zwischen die Mülltonnen. Mein Herz raste und mein Atem ging stoßweise und nur langsam beruhigte ich mich. Allmählich gewann die Erschöpfung überhand und ich fiel in einen unruhigen Halbschlaf, aus dem ich von Zeit zu Zeit erwachte, geplagt von Alpträumen und aufgeschreckt von den Geräuschen der Ungeheuer oder von Hunden in der Ferne.

Nach mehreren Stunden, als es dämmerte, kroch ich aus meinem Versteck hervor. Ich fühlte mich wie gerädert, ich fror und war hungrig. Wenigstens hat es aufgehört zu regnen, versuchte ich mir selbst Mut zu machen. Was sollte ich jetzt tun? Wohin sollte ich gehen? Ich war ganz allein, wie sollte ich in so einer feindlichen Welt überleben? Ich erinnerte mich daran, dass ich meinen Zwillingsbruder in meiner Panik zurückgelassen hatte. Während meiner Flucht hatte ich ihn noch lange nach Mutter rufen hören. Als ich mich kurz umgewandt hatte, hatte ich gesehen, wie er vergeblich versucht hatte, sie wachzurütteln. Hatte er denn nicht verstanden, dass Mutter tot war? Hatte er es nicht wahrhaben wollen? Vielleicht hatte er wenigstens überlebt. Ich würde ihn suchen, war er doch das einzige, das von meiner Familie übrig war. Wenn er denn noch lebte. Ich blickte mich um, lauschte auf irgendwelche Bedrohungen und schlich etwas ungeschickt los in die Richtung, aus der ich gekommen war, nachdem ich die Situation als vergleichsweise sicher eingeschätzt hatte. Im Licht des anbrechenden Morgens erkannte ich, dass meine Flucht mich kaum 20 Meter weit vom Ort des Angriffs weggeführt hatte. Gestern war es mir so vorgekommen, als sei ich stundenlang davongerannt. Ich gelangte an ein Haus, hinter dem ich, wie ich wusste, die drei Leichen und wenn ich Glück hatte, meinen Bruder finden würde. Ich erschauderte, bei dem Gedanken an diesen Ort und den Anblick, der sich mir womöglich bieten würde. Doch ich nahm all meinen Mut zusammen und spähte um die Ecke. Vor mir erstreckte sich ein gepflasterter Platz gesäumt von Häusern, zwischen denen in unregelmäßigen Abständen die gepanzerten Monster hervorrannten und auf der jeweils anderen Seite wieder verschwanden. Ich wusste nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte, als ich feststellte, dass von den Leichen nichts zu sehen war. Jedoch gab es auch keine Spur von meinem Bruder. Zögernd machte ich ein paar Schritte in die Richtung, wo meine Familie gestern die fatale Begegnung mit einem Monster gehabt hatte. Ich musste den Platz überqueren, um die Stelle zu erreichen. Vielleicht konnte ich dort mehr über den Verbleib meines Bruders herausfinden. Ich wartete einige Momente, bis ich keines der lärmenden Monster mehr hören konnte, dann rannte ich los, so schnell ich konnte, denn es war auf solchen offenen Plätzen nicht sicher für so ein kleines schutzloses Mädchen wie mich. Ich erreichte den Ort, der so viel Unglück über meine Familie und mich gebracht hatte. Doch alles, was ich sah, waren drei dunkle Flecken, ein großer und zwei kleinere, welche die Stellen markierten, wo meine Mutter und Geschwister gelegen hatten. Keine Spur von den Leichen selbst und auch keine Spur von meinem Bruder. Ich begann nach ihm zu rufen. Erst leise, zaghaft, um keine feindseligen Kreaturen auf mich aufmerksam zu machen. Als ich keine Antwort bekam, wurden meine Rufe lauter und verzweifelter. Aber noch immer beantwortete niemand mein Schreien. Unendliche Trauer umschlang mich. Meine Familie war aufs Grausamste getötet worden und mein Bruder, das letzte verbliebene Familienmitglied, war spurlos verschwunden, wahrscheinlich gefressen von irgendeinem Untier. Alle, die mir etwas bedeutet hatten, waren fort und ich war einsam und allein. Wenn ich weinen könnte, so hätte ich geweint, als alle Hoffnung aus meiner Seele wich. So aber richtete ich einen einzigen lang gezogenen Klagelaut gen Himmel. Plötzlich hörte ich wieder eines der Monster und wandte mich um. Mit Erschrecken erkannte ich, dass es genau auf mich zukam. Die glühenden Augen direkt auf mich gerichtet erfüllte es die Luft mit seinem Knurren und seinem charakteristischen Gestank, als die Erde unter seinem Gewicht erzitterte. Ich rannte los, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war. Das Monster war schneller. Sie waren immer schneller. Ich war kaum ein paar Meter weit gekommen, da hatte es mich eingeholt. Zu meiner Überraschung überrannte es mich nicht einfach, sondern hielt neben mir an. Dann öffnete es sein Maul und spie eine Gestalt aus. Sie war deutlich kleiner als das Monster selbst, jedoch immer noch um ein Vielfaches größer als ich. Die Gestalt richtete sich nun auf ihren Hinterläufen zur vollen Größe auf. Sie hatte abnorm lange Gliedmaßen und ein Fell, das so bunt war, wie ich es noch nie gesehen hatte. Die Gestalt stieß eine Folge von hohen Lauten aus, beugte sich zu mir herab und griff mit seinen langen knochigen Fingern nach mir. Ich wollte rennend die Richtung wechseln, um zu entkommen. Aber es war bereits zu spät. Ein eiserner Griff umfasste mich und ich spürte die ledrige, widernatürlich stinkende Haut dieses neuen Scheusals. Ich wehrte mich, wand mich, strampelte, biss und kratzte. Doch es war vergebens. Der Angreifer trug mich erbarmungslos einem Schicksal entgegen, das, wie ich mir sicher war, noch schlimmer war als das meiner Familienmitglieder.

Ich schrak aus meinem leichten Schlaf auf, als ich hörte, wie von außen ein Schlüssel in die Tür gesteckt und umgedreht wurde. Sofort sprang ich von meinem Schlafplatz auf dem Sessel auf, um auf den Hereinkommenden zuzurennen. Mein Bruder Zann, der auf dem Bett gelegen hatte, tat es mir gleich. Es bedurfte keiner Absprache zwischen uns. Gemeinsam stürzten wir um die Ecke, aus dem Zimmer hinaus in den Flur und auf die gerade erst einen Spalt weit geöffneten Eingangstür der Wohnung zu, in der wir rund um die Uhr eingesperrt waren. Wir fingen den Zweibeiner ab, noch ehe er die Tür zur Hälfte aufgemacht hatte. Die Gestalt in der Tür überragte uns um ein Vielfaches und wir wussten, dass wir einzeln keine Chance gegen sie hätten, denn sie war ungemein stark und vor ihren langen Greifarmen gab es kein Entrinnen. Wie erwartet war die Gestalt niemand anderes als unser geliebtes Herrchen. Unwillkürlich hob ich meinen Schwanz und krümmte die Spitze leicht zur Seite ein beim Anblick des mir so vertrauten Familienmitglieds. Doch wie immer überwog zunächst im ersten Moment Neugier die Wiedersehensfreude, sodass ich, so gut es ging, versuchte an den Beinen Herrchens vorbei einen Blick auf das „Draußen“ des Treppenhauses zu erhaschen. „Hallo Banshee, hallo Zann. Bleibt bitte drin“, sprach der Mensch mit freundlicher aber etwas müde klingender Stimme. Mein Bruder, der ebenso wie ich vergeblich versucht hatte, sich an Herrchens Beinen vorbeizuschieben, um besser sehen zu können, und ich gehorchten nur widerwillig und Herrchen musste uns mit sanfter Gewalt von der Tür wegscheuchen, damit er sie schließen konnte, ohne uns einzuklemmen. Nachdem diese Ablenkung nun beseitigt war, konnten wir uns ganz der Begrüßung widmen. Wir Katzen gurrten freudig, miauten, schnurrten und strichen um die Beine unseres Lieblingsmenschen, der sich, nur wenige Augenblicke nachdem die Tür zufiel, auf die Knie niederließ und uns beide abwechselnd streichelte und kraulte. Er beugte sich sogar weit genug herunter, dass ich sein Gesicht beschnuppern und mich an seiner Nase reiben konnte. Ich war immer neugierig darauf, welche exotischen Gerüche von draußen an Herrchen hafteten. Fast eine Minute später stand er auf und ging mit (für einen Menschen) leisen Schritten in unser gemeinsames Zimmer. Es waren unter anderem diese Ruhe, diese bedächtige Art, sich zu bewegen, welche wir Katzen so an ihm schätzten. Er sprach meistens ruhig, schrie nicht, knallte keine Türen und achtete stets darauf, nicht auf uns zu treten. Das alles war bei Menschen nicht selbstverständlich. Im Zimmer angekommen entledigte er sich einiger der künstlichen Pelze, die Menschen tragen, um draußen nicht zu erfrieren. Nötig war das, denn es war Winter und draußen war es kalt. Ich war in dieser Zeit des Jahres immer froh, drinnen zu leben. Nur wenn Herrchen die Fenster öffnete, kam der Winter herein. So interessant es auch war, die Geschehnisse draußen nicht nur zu beobachten, sondern sie auch hören und riechen zu können und den Wind an meinem Fell zu spüren, wollte ich mich diesen Eindrücken und diesen Gefahren von draußen lieber nicht unmittelbar aussetzen. Schon gar nicht wenn eines der großen Monster (Herrchen nannte sie „Lastwagen“) vorbeibrummte. Während ich noch über die Vorzüge meines Daseins als Wohnungskatze nachdachte, war Herrchen schon fast damit fertig, unsere Toiletten zu säubern. Nun würde der Teil des Abends kommen, auf den ich mich am nach dem Wiedersehen mit Herrchen am meisten freute: das Abendessen. Mein Bruder und ich folgten dem Menschen in die Küche. Angesichts meiner Vorfreude auf meine Mahlzeit bemerkte ich die Kälte der beigen Fliesen an meinen Pfoten fast nicht. Herrchen ging zum Schrank, holte zwei Teller und ein Messer hervor, um anschließend aus dem Kühlschrank die Dosen mit dem Nassfutter zu nehmen. Bevor die Tür der großen weißen Futterquelle sich schloss, kam ich nicht umhin, auch dort einen kurzen neugierigen Blick hineinzuwerfen und zu schnuppern, was da so alles Interessantes verstaut war. Herrchen machte sich auf der Anrichte zu schaffen. Nun hieß es geduldig sein, so schwer das bei dem leichten Geruch nach Essen auch sein mochte. Brav setzte ich mich auf die Waschmaschine und schaffte es diesmal, der Versuchung zu wiederstehen, auf die Anrichte zu gehen, was der Mensch uns streng verboten hatte. Nur zweimal miaute ich zur Sicherheit, um ihn daran zu erinnern, dass wir hungrig auf unser Mahl warteten. Bei der Kommunikation mit Menschen musste man im Zweifelsfall lieber etwas deutlicher sein. Auf der Ebene der Körpersprache mit ihnen zu sprechen war schwierig (auch wenn Herrchen das vergleichsweise gut verstand), Pheromone konnte mein gleich vergessen. Am besten verstanden sie akustische Signale. Oder anders gesagt: Babysprache. Zann war währenddessen weniger ruhig. Er lief aufgeregt zwischen der Küche und unserem Zimmer, wo er sein Essen einnehmen würde, hin und her, gurrte und miaute unentwegt. Endlich war alles fertig. Mit einem „Guten Appetit, Banshee!“ stellte Herrchen einen Teller mit Nassfutter für mich auf den Küchenboden und ging dann schnell in das Zimmer, wohin mein Bruder bereits vorgelaufen war.

Etwas später – Herrchen hatte seinerseits zu Abend gegessen, allerdings deutlich kürzer als sonst – trottete der Mensch in unser Zimmer und ließ sich erschöpft in den alten schwarzen Schreibtischsessel fallen, auf dem auch ich zuvor gelegen hatte. Ich folgte Herrchen in den Raum, der zwar kleiner war als der in der alten Wohnung und doch einen großen Teil der uns vertrauten Einrichtung enthielt: Ein Bett ein Schrank und mehrere Regale sowie unsere Katzenklos, den Kratzbaum, die Säule, die Tonne und einige leere Pappkartons für uns zum Spielen, Krallenschärfen, Verstecken und Klettern. Eigentlich hatte ich gehofft, Herrchen würde wenigstens heute mit uns spielen. Anscheinend war er wieder einmal überhaupt nicht dazu aufgelegt. Das kam in letzter Zeit immer häufiger vor. Zwar war es normal, dass er etwas müde war, wenn er nach einem halben Tag von der „Arbeit“ kam (was auch immer das sein mochte), doch so kraftlos wie jetzt sollte er eigentlich nicht sein. Es war offensichtlich, dass es ihm nicht gut ging. Er schlief nachts auch ungewöhnlich lang, saß selbst an den Tagen, wenn er keine Arbeit hatte, stundenlang tatenlos herum und ließ dann sogar die Kiste mit den flimmernden leuchtenden Bildern darauf ausgeschaltet. Das wirkte sich auch auf mich und meinen Bruder aus. Auch wir waren träge und schliefen viel. Es gab ja kaum etwas zu tun, außer zu schlafen und zwischendurch aus dem Fenster zu sehen, wenn niemand mit uns spielte. Trotz allem war es immer noch besser, wenn Herrchen zu Hause war. Immerhin konnte man dann mit ihm kuscheln. Und so begab ich mich neben Herrchens Sessel und stellte mich auf die Hinterbeine, die Vorderbeine seitlich gegen die Sitzfläche gestützt. Herrchen drehte langsam seinen Kopf zu mir, sah mich, verstand und schob seinen Arm, der schlaff an seiner Seite gehangen hatte, etwas zur Seite, damit ich auf den Sitz und Herrchens Schoß hüpfen konnte. Dort oben ging ich einmal im Kreis und rollte mich an diesem weichen Platz zusammen. Ich genoss die Wärme, die Nähe, die Geborgenheit, den Geruch des Menschen, dem ich vertraute und der fast mein gesamtes Leben lang für mich gesorgt hatte. Der mich schon mehrmals gerettet hatte, als die Neugier überhandgenommen hatte und ich unvorsichtigerweise ausgebüxt war. Er war vielleicht nicht perfekt, aber ich liebte ihn wie niemanden sonst auf der Welt. Er war für mich eine Ersatzmutter. Sacht streichelte seine Hand über meinen Kopf und meinen Rücken und schon bald war ich schnurrend eingeschlafen.

Zusammengesunken saß der Mann auf dem Sessel in dem kleinen Zimmer der Bruchbude, die sich WG-Wohnung schimpfte und streichelte gedankenverloren die Katze auf seinem Schoß. Er starrte grübelnd vor sich hin ins Leere. Der letzte Arbeitstag vor Weihnachten war heute gewesen. Eigentlich müsste er sich freuen über ein paar freie Tage, doch er fühlte … gar nichts. Nun ja, ein wenig Reue, Schuld, Scham und Verachtung gegen sich selbst vielleicht. Aber größtenteils spürte er nur eine große gähnende Leere in sich. Am Morgen wäre er am liebsten im Bett geblieben. Mehr als eine halbe Stunde hatte er gebraucht, bis er sich überwunden und ins Badezimmer geschleppt hatte. An solchen Tagen war seine Hauptmotivation, um aufzustehen, dass Banshee und Zann auf ihr Frühstück warteten. Er hatte keine Ahnung, wie er sich die schier unendliche Geduld der Katzen verdient hatte. Andere Katzen, so wusste er, würden einen Radau veranstalten oder anfangen, Einrichtungsgegenstände in der Wohnung zu zerstören, wenn sie ihr Futter nicht zur gewohnten Zeit bekamen. Aber nicht diese zwei. Auch in der Arbeit störte es keinen, wenn er etwas später kam, Gleitzeit sei Dank. Das machte es ihm wenigstens einfacher, seinen Zustand zu verbergen. Die Arbeitsstunden hatten sich wie Tage angefühlt. Er hatte Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren, war beim Kontakt mit den Kunden wie immer nervös gewesen und hatte geschwitzt. Warum war er nur so ein Waschlappen, der kaum mehr als „Ja“ und „Amen“ sagte und ansonsten zu schüchtern, zu feige war, den Mund aufzubekommen? Wie jeden Tag begann er nun, darüber nachzugrübeln und zu analysieren, was er alles Dummes gesagt oder getan hatte und wie er es hätte besser machen sollen. Er war sich dessen bewusst, wie irrational es war, sich selbst fertigzumachen wegen Dingen, die in der Vergangenheit lagen und somit nicht mehr zu ändern waren und obendrein wahrscheinlich für alle anderen außer ihm völlig unwichtig waren. Diese Diskrepanz zwischen seinem Verstand und dem, was er empfand, machte es nur noch schlimmer. Er fühlte sich zusätzlich schlecht, weil er seine Gefühle, Emotionen und Gedanken nicht unter Kontrolle hatte. Fünf Jahre waren vergangen, seit er das Abitur mit einem Durchschnitt von 1,8 bestanden hatte. Und danach? Zwei abgebrochene Studiengänge, ein Jahr Leiharbeit und eine angefangene Berufsausbildung. Fünf Jahre und er hatte noch immer keinen weiteren Abschluss vorzuweisen. Immerhin wurden meine beiden Beziehungen in diesem Zeitraum „abgeschlossen“, dachte er mit bitterer Selbstironie. Besonders die letzte der beiden hatte ihn hart getroffen. Tatsächlich fühlte sie sich nach knapp zwei Monaten noch überhaupt nicht abgeschlossen an. Erneut fragte er sich, was er falsch gemacht hatte und ob er seiner Ex-Freundin hätte helfen können. Er versuchte sich erfolglos damit zu trösten, dass man nur Leuten helfen konnte, wenn sie dies auch zuließen. Ob sie es wohl geschafft hatte, die seelischen Probleme, welche sie damals anscheinend selbst nicht genauer benennen konnte oder wollte, in den Griff zu bekommen? Er wünschte es ihr von ganzem Herzen. Er selbst war daran gescheitert. Plötzlich vernahm er hinter sich ein Klappern, das ihn aus seinen Grübeleien riss. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Zann wie so oft dabei war, den Napf mit Trinkwasser umzukippen. Der Kater wusste genau, wie sehr es sein Herrchen störte, wenn er das tat. Es war klar, dass Zann gezielt provozierte, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Seine Schuldgefühle verstärkten sich noch, als ihm bewusst wurde, dass er wieder zu wenig mit den Katzen spielte. „Zann, lass den Quatsch“, sagte er schwach. Er hatte kaum die Kraft, einen Befehlston einzuschlagen, was ohnehin nicht viel genutzt hätte. Zann antwortete mit einem empörten Miauen und mehrfachen gurrenden Lauten. „Ich kann jetzt nicht mit dir spielen, sonst muss ich deine Schwester aufwecken.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Er hätte schlicht nicht die Energie aufbringen können, aufzustehen. Träge ließ er einen Arm neben dem Sessel herabhängen. Sofort war der Kater zur Stelle und rieb sein Gesicht an den Fingern. Zann war schon immer der „gesprächigere“ der Beiden gewesen und derjenige, der sehr auf sein Herrchen fixiert war. Oder zumindest zeigte er es deutlicher. Gleichzeitig war der Kater auch schüchtern und misstrauisch fremden Menschen gegenüber, ganz im Gegensatz zu Banshee, welche auf Neuankömmlinge ohne großes Zögern zuging, sie begrüßte und neugierig beschnupperte. Er blickte kurz auf zum Fenster neben sich. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er in mehreren Fenstern Lichterketten leuchten. Weihnachten. In diesem Jahr hatte er die Adventszeit zu hassen gelernt. Nicht nur, dass all der lächerlich kitschige Kommerz den ursprünglichen Geist des Weihnachtsfestes mit Füßen trat und es jedes Jahr gefühlt ein wenig stressiger für ihn wurde. Dieses Jahr würde er seine Familie nicht besuchen können. Seine Eltern, Großeltern und sein Bruder erschienen ihm ohnehin weiter weg als je zuvor. Und das nicht nur geographisch. Seine beiden Mitbewohner waren zu Weihnachten natürlich nicht da. Er konnte die Katzen weder allein lassen, noch konnte er sie über mehrere hundert Kilometer zu seinen Eltern transportieren. Vielleicht, wenn er sich dazu aufraffen konnte, unter Menschen zu gehen, würde er an Heiligabend einen Gottesdienst besuchen, auch wenn er nicht sonderlich gläubig war. Etwas anderes hatte er nicht geplant. Er würde also höchstwahrscheinlich allein mit zwei Wesen in seinem kleinen Zimmer sitzen, die mit Weihnachten noch weniger anfangen konnten als er und Trübsal blasen. Silvester würde ähnlich ablaufen. Nur ohne Gottesdienst und dafür umso mehr Alkohol. Um das Feuerwerk zu übertönen, sodass die beiden Pelzträger sich nicht zu Tode fürchteten, würde er wohl über Lautsprecher Musik laufen lassen. Ewigheim, Lifelover, Psychonaut 4. #todrinkandtodance. In der Stadt, in die er vor knapp einem halben Jahr gezogen war, kannte er nach wie vor kaum jemanden. Die wenigen Leute, die er kennengelernt hatte und mit denen er sich gut genug verstand, waren an den Feiertagen nicht in der Stadt. Er hatte also niemanden, mit dem er hätte feiern können, selbst wenn ihm danach gewesen wäre. Aber Menschen waren anstrengend, Menschen verunsicherten ihn. Nein: „Er ließ sich viel zu leicht von Menschen verunsichern“, wäre die korrekte Formulierung. Er seufzte und sein Kopf sank dabei noch ein Stück weiter dem Boden entgegen. Ihm war kalt. Manchmal, wenn er morgens aus dem Haus ging, fragte er sich, ob es das einfachste wäre, von einem Lastwagen überrollt zu werden. Statistisch gesehen waren Verkehrsunfälle ja recht häufig. Mit einem Schlag wäre er all seine Sorgen, seine Verantwortung, sein nie enden wollendes Leid und seine Unzulänglichkeit los. Es wäre einfach alles vorbei. Aber wäre es das? Nein, es war keine geeignete Suizidmethode. Zu groß das Risiko, zu überleben und als pflegebedürftiger Krüppel zu enden. Vom traumatisierten LKW-Fahrer ganz abgesehen. Allerdings kannte er ein Treppenhaus in einem Hochhaus. Zehn Stockwerke, keine Barrieren außer dem Geländer. Freier Flugkorridor nach unten, nichts was den Sturz bremsen würde. Lediglich auf Höhe des Erdgeschosses war ein Gitter angebracht, sodass er gewürfelt im Keller ankommen würde. Als Organspender würde er dann wohl nicht mehr in Frage kommen. Um die Gefahr zu senken, dass jemand zufällig unvorbereitet seinen Todessturz und seine Überreste sah, könnte er sich eine passende Uhrzeit, zum Beispiel mitten in der Nacht, aussuchen und kurz vor dem Sprung einen anonymen Notruf tätigen, dass jemand das Treppenhaus die volle Höhe heruntergestürzt sei. Somit würden die Notfallsanitäter ungefähr wissen, was sie erwartete… Banshee begann auf seinem Schoß zu zucken und leise zu knurren, so als wolle sie sich im Traum eines Angreifers erwehren.

Mittlerweile war es Sommer. Wieder einmal war es soweit: Herrchen verließ das Haus. Ich saß am offenen Fenster, von der Außenwelt durch ein Netz getrennt und beobachtete, wie er sich von uns entfernte. Wenn er in diese Richtung ging, so wusste ich, würde er nicht lang wegbleiben. Weniger als eine Stunde würde es dauern. „Ich gehe schnell einkaufen. Bin bald wieder da, meine Kätzchen“, hatte er eben beim Abschied gesagt und sowohl mir als auch meinem Bruder über den Kopf gestreichelt. Als mein Zweibeiner die Straße überquerte, hörte ich von der Ferne ein Brummen, das allmählich lauter wurde. Im nächsten Augenblick raste eins der großen orangen Monster um die Ecke der Straße, auf der sich Herrchen gerade befand. Ich knurrte, wie ich das immer tat, wenn so ein Ungetüm zu nahe kam. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass es nicht langsamer wurde und direkt auf Herrchen zuhielt. Mein Knurren wurde lauter, instinktiv duckte ich mich. Ich wusste, was kommen würde, denn ich hatte es schon einmal mit ansehen müssen. Das Geräusch eines dumpfen Aufpralls ertönte gepaart mit einem grässlichen Knacken. Herrchens Körper flog mit unnatürlich verrenkten Gliedern meterweit die Straße entlang. Er schlitterte fast noch einmal die gleiche Strecke weiter und hinterließ eine blutige Spur hinter sich. All meiner Angst zum Trotz versuchte ich verzweifelt, das im Fenster gespannte Netz zu zerreißen, das mich von meinem Menschen trennte. Ich würde nicht zulassen, dass meine Familie aufs Neue zerstört wurde. Ich biss, ich zerrte, aber meine Bemühungen waren umsonst. Herrchen mühte sich inzwischen damit ab, sich zu erheben, doch seine gebrochenen Arme und Beine versagten den Dienst. So war alles, was er zustande brachte, den Kopf zu heben und mich mit blutüberströmtem Gesicht anzusehen. Ein Stöhnen entfuhr ihm. Hilflos musste ich dabei zusehen, wie sich das Ungetüm erneut auf den rücklings am Boden liegenden Menschen zubewegte, diesmal aber nur im Schritttempo, um ihn endgültig zu töten. Herrchen murmelte etwas, das fast wie mein Name und der meines Bruders klang. Dann ließ er seinen Kopf kraftlos wieder sinken. Der Wagen hatte ihn erreicht. Ich rief verzweifelt nach Herrchen. Das große schwarze Rad der Bestie fuhr gnadenlos über Herrchens Fuß, dann sein Bein und zermalmte sie. Er schrie in Todesqual. Das Rad bewegte sich unaufhaltsam über die Hüfte weiter entlang des Brustkorbes, walzte alles platt, gelangte zum Kopf und zerquetschte auch diesen…

Herrchens Hand strich sanft über meinen Kopf und meinen Rücken. Dabei säuselte er mir beruhigend ins Ohr. Ich brauchte mehrere Momente, in denen ich mit wild klopfendem Herzen realisierte, dass ich sicher in der Wohnung auf Herrchens Schoß zusammengerollt lag. Herrchen lebte und neben dem Sessel spazierte mein Bruder gurrend vorbei. Während sich mein Puls wieder verlangsamte, streckte ich meine Hinterbeine. Anschließend rollte ich mich auf den Rücken und entblößte dabei meinen empfindlichen Bauch und meine Kehle als Zeichen meines Vertrauens zu Herrchen und weil ich einfach glücklich war, dass ich nur geträumt hatte. Ich wüsste nicht, was ich ohne mein Herrchen tun sollte. In meinem bisher knapp vier Jahre dauernden Leben war er (neben meinem Bruder) die einzige Konstante. Wir waren mehrmals umgezogen, hatten mit verschiedenen anderen Menschen zusammengewohnt, aber Herrchen war immer da gewesen, seitdem ich drei Monate alt war. Er war meine Familie, meine Ersatzmutter. Der Mensch begann mich am Kinn zu kraulen und schenkte mir ein Lächeln. Ich lächelte zurück, doch irgendetwas an Herrchens Lächeln war anders als sonst. Nach mehreren Augenblicken erst fiel es mir auf: Es war nur ein Katzenlächeln! Er hatte lediglich die Augen halb zusammengekniffen und dann zur Seite weggeschaut. Normalerweise untermalte er das mit einem Menschenlächeln, indem er die Mundwinkel nach oben zog. Das fehlte nun. Und noch etwas erkannte ich. Unter dem Auge des Menschen hatte sich ein einzelner Tropfen gebildet, der langsam seine Wange herunterlief. Ich setzte mich auf, beschnupperte den Tropfen und leckte ihn dann von Herrchens Wange. Er schmeckte salzig. Herrchen umarmte mich und ich ließ es geschehen, obwohl ich es im Gegensatz zu Zann nicht mochte, festgehalten zu werden. Herrchen zitterte und flüsterte mir Worte zu, die ich nicht verstand: „Es tut mir leid, dass ich so ein Versager bin und euch nicht das bieten kann, was ihr braucht. Aber ich verspreche, dass ich euch nicht alleinlasse.“

Anmerkung: Bei den Winter Tales für Kati Winter soll eine Kurzgeschichte von maximal 3 Seiten zu einem bestimmten Thema geschrieben werden. Das Thema lautete Obsession/Besessenheit. Die folgende Geschichte wurde leider nicht im Stream gelesen.

Satanic Obsession

Jens entsprach überhaupt nicht dem Klischee eines Schwarzmetallers. Er trug keine Stachelarmbänder oder Corpsepaint, die schwarz-weiße Gesichtsbemalung, welche bei Künstlern im Black Metal üblich war. Er hatte nicht einmal mehr lange Haare. Er war Ende zwanzig und vor ein paar Jahren hatte seine Stirn damit begonnen, immer mehr Fläche auf seinem Kopf einzunehmen. Darum hatte er sich schweren Herzens von seiner Mähne trennen müssen, ansonsten hätte es lächerlich ausgesehen. Zugegeben, er trug fast ausschließlich schwarz und Bandshirts. Ansonsten war er rein äußerlich eher unauffällig. Lediglich zu Konzerten holte er die Kutte mit den Patches seiner Lieblingsbands darauf und die schwarzen Lederstiefel hervor. Mit Satanismus und Okkultismus hatte er wie die meisten anderen in der Szene nichts am Hut. Beides gehörte irgendwie dazu, weil es nach landläufiger Meinung der Inbegriff des Bösen war, sodass es zur Musik passte. Aber für Jens war der Textinhalt eher nebensächlich. Neben dem Hören von Black Metal war seine große Leidenschaft das Sammeln von Tonträgern. Im Regal in seinem Zimmer, das die gesamte Wand einnahm, reihten sich Bathory, Mayhem, Burzum, Darkthrone und etliche andere mehr oder weniger bekannte Bands, allesamt alphabetisch sortiert nach Bandnamen und Albumtitel. Am liebsten waren ihm die LPs und Kassetten. Für Jens verkörperten sie das Archaische, das die Zeit überdauerte. Besonders die Tapes erinnerten ihn an die 90er Jahre, der Zeit der zweiten Welle des Black Metal, als Tapetrading in der Szene üblich gewesen war.

Es war Wochenende und wie so oft war Jens mit Hilfe seines Laptops auf der Suche nach Bands, die er noch nicht kannte. Mehr durch Zufall stieß er dabei auf ein YouTube-Video einer Gruppe namens Satanic Obsession. Der Bandname erweckte seine Aufmerksamkeit. Er war typisch für Black Metal, plakativ, fast schon einfallslos. Doch gerade solche Bands wiesen zumeist auch auf musikalischer Ebene eine Direktheit und Geradlinigkeit auf, die Jens sehr zu schätzen wusste. Er klickte auf das Video. Zu sehen war ein Standbild, offenbar das Cover des Albums, von dem das Lied stammte: eine Zeichnung einer Person in schwarzer Kutte, die in einem schneebedeckten Wald voller knorriger karger Bäume stand und ein Petruskreuz mit beiden Händen gen Himmel reckte. Gleichzeitig erklang eine Musik, welche Jens in absolute Begeisterung versetzte. Das kreischenden Tremolo Picking der Gitarren, die hämmernden Blastbeats wie MG-Feuer, der abwechselnd krächzende und heulende gutturale Gesang in Verbindung mit einer rauen Produktion, als wäre das Stück nicht im Studio sondern im Proberaum aufgenommen worden, bescherten Jens eine wohlige Gänsehaut. So musste Black Metal klingen: roh, schmutzig, aggressiv und eiskalt, ohne lächerliche Keyboard-Arrangements oder sonstigen Schnickschnack! Er brauchte unbedingt mehr davon! Leider war es das einzige Lied der Band, das er online finden konnte, obwohl sie seit ihrer Gründung 1992 in Tampere, Finnland mehrere Demos und Alben herausgebracht hatte, wie er nach kurzer Recherche herausfand. Nun ja, die guten Underground-Bands waren nun einmal nicht so leicht zu finden. Es war eine Herausforderung, deren Diskografien aufzutreiben und das machte für ihn einen weiteren Reiz seines Hobbys aus. Sofort machte er sich daran, sich bei seinen Freunden zu erkundigen und in verschiedenen Foren und Chats herumzufragen. Doch niemand schien Satanic Obsession zu kennen, geschweige denn deren Tonträger zu besitzen. Enttäuscht klappte er den Laptop zu. Er würde wohl Geduld haben müssen.

Und tatsächlich: Am nächsten Tag antwortete jemand in einem Forum, der sich MisanthropicLuciferian88 nannte. Er könne Jens die gesamte Diskografie von Satanic Obsession in Form von Kassetten verkaufen. Allerdings unter der Bedingung, dass sie sich dazu persönlich trafen. Der Verkäufer wolle sich überzeugen, dass Jens auch dieses elitären Urgesteins des finnischen Black Metal Undergrounds würdig war, was auch immer das heißen sollte. Jens stimmte sofort zu, obwohl diese Forderung schon ein wenig merkwürdig war. So fuhr er wenige Tage später mit seinem Auto zum abgemachten Treffpunkt, einem etwas abgelegenen Parkplatz in einem Industriegebiet. Ein leicht mulmiges Gefühl mischte sich in seine Vorfreude. Außer dem Auto des Verkäufers und seinem eigenen, das er wenige Meter daneben parkte, waren keine weiteren Fahrzeuge zu sehen. Für einen zufälligen Beobachter musste das Ganze wie eine Drogenübergabe aussehen. Jens‘ Beunruhigung wuchs noch weiter, als er erkannte, dass MisanthropicLuciferian noch jemanden mitgebracht hatte. Wenn die beiden unlautere Absichten hatten, wäre er auf sich allein gestellt und konnte hier wohl keine Hilfe von Passanten erwarten. Jens stieg aus und ging auf die beiden schwarz gekleideten Gestalten zu. Vorne erwartete ihn breitbeinig ein großer dürrer Kerl mit langen schwarzen Haaren, kantigem Gesicht und einer glimmenden Zigarette im Mund. Unter seiner offenen Lederjacke war ein T-Shirt der Band Satanic Warmaster zu sehen. Mit Merchandise dieser Band wurde man bei einigen Konzerten nicht hereingelassen, weil es sich um National Socialist Black Metal handelte, also Nazi-Musik. Jens selbst war den Anblick gewöhnt und er störte sich nicht daran. Politik interessierte ihn kaum, erst recht nicht in der Musik. Hinter dem Mann lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen ein zweiter, bullig gebauter am Heck des schwarzen Wagens, in dem sie offensichtlich gekommen waren. Er hatte eine Glatze, trug einen Hoodie und Cargohose. „Bist du MisanthropicLuciferian?“, fragte Jens den Langhaarigen. „88“, ergänzte der Angesprochene mit unbewegter Miene. „Jap, bin ich.“ „Und wer ist das?“, wollte Jens mit Blick auf den Glatzkopf wissen. Dieser antwortete grinsend: „Ich bin der Fahrer. Der Lappen hier ist seit dieser Woche seinen Lappen los.“ Dabei nickte er in Richtung seines langhaarigen Freundes, von dem er einen kurzen verärgerten Blick erhielt. „Du willst also die Tapes von Satanic Obsession? Dann komm her. Ich zeige sie dir“, sprach MisanthropicLuciferian, ließ seine Zigarette zu Boden fallen, trat sie aus und drehte sich zum Wagen um. Der Fahrer trat nun beiseite und begann, mit einem kleinen länglichen Gegenstand in der Hand zu spielen, damit der Verkäufer die Heckklappe öffnen konnte. Er holte eine Pappschachtel daraus hervor. Darin befanden sich sieben Kassetten. Auf einer davon erblickte Jens das ihm bereits bekannte Albumcover mit dem Kuttenträger im Winterwald. Bevor Jens jedoch die Kassetten aus der Schachtel und genauer in Augenschein nehmen konnte, wurden sie weggezogen und von dem Verkäufer wieder in den Kofferraum gelegt. „Nicht so schnell. Vorher brauchen wir neben der Kohle noch etwas anderes von dir“, sagte er dabei. „Und zwar dein Blut“, meldete sich nun der Glatzkopf mit einem fiesen Grinsen. Jens identifizierte den Gegenstand in der Hand des stämmigen Mannes als Klappmesser, dessen Klinge zum Vorschein kam. „Was?“, war alles, was Jens hervorbrachte. Hatte er sich verhört? War das ein schlechter Scherz? „Na komm. Du willst doch die Tapes. Dann musst du uns auch beweisen, aus welchem Holz du geschnitzt bist“, sagte der Glatzkopf und reichte ihm das Messer. „Keine Sorge, du darfst selbst schneiden.“ Vollkommen verdattert nahm Jens die Klinge entgegen. „Na los, schneid dir in die Handfläche“, forderte ihn der Dünne auf. Die zwei Männer bauten sich nun neben ihm auf, jeder auf einer Seite. Zögernd setzte er die Schneide an. Diese Bedingung war absolut bescheuert. Aber Jens hatte nicht den Eindruck, dass die beiden ihn einfach würden gehen lassen, wenn er kniff. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Was sollte er tun? Sollte er kämpfen oder fliehen? Er war nicht gerade der Sportlichste und besonders den stämmigen Glatzkopf schätzte Jens als körperlich überlegen ein. „Sei ein Mann!“ „Na los!“ „Sei keine Pussy!“, nötigten sie ihn, bis er sich schließlich beugte. Jens wusste, dass die Hände zusammen mit dem Gesicht und den Genitalien die schmerzempfindlichsten Stellen am menschlichen Körper waren. Doch dieses Wissen konnte ihn nicht wirklich auf den brennenden Schmerz vorbereiten, der durch seine linke Hand fuhr, als er die Klinge mit einem Ruck über die Handfläche zog, um es schnell hinter sich zu bringen. Schockiert sah er zu, wie immer mehr Blut pulsierend im Takt seines Herzens aus der Wunde floss und sich auf den Asphalt des Parkplatzes ergoss. Jens entfuhr ein leises „Scheiße“ und er ließ das Messer fallen. Aber sein Martyrium war noch nicht zu Ende. „Sehr gut“, lobte MisanthropicLuciferian. „Und jetzt schreib mit deinem Blut auf die Heckscheibe von deiner Karre. Schreib: ‚Sodomized by Satan!‘“ Einen Moment lang zögerte Jens, schaute abwechselnd ungläubig seine Peiniger und seinen fließenden roten Lebenssaft an. Doch wurde er von ihnen gleich darauf grinsend in Richtung seines Autos geschubst, sodass er keine Möglichkeit sah, sich zu widersetzen. Mit zitternden Gliedern schrieb er die erniedrigenden Worte. Der Schmerz war nach wie vor immens und er blutete wie ein Schwein. Aber die Fieslinge waren zufrieden. Jens bezahlte, nahm die Kassetten entgegen, stieg hastig ins Auto und fuhr davon. Er nahm sich nicht die Zeit, die Wunde zu versorgen, denn er wollte so schnell wie möglich weg von hier. Er würde das später erledigen, wenn er genug Abstand gewonnen hatte.

Ronny und Maik prusteten los, sobald der Käufer in seinem Auto flüchtete. „Schau dir die schwule Poser-Scheiße an, die auf seiner Karre steht“, lachte Ronny, der glatzköpfige und deutete auf die Heckscheibe des sich entfernenden Wagens. „Hätte nicht gedacht, dass er es echt durchzieht“, fügte Maik, der langhaarige hinzu. „War es nicht riskant, ihm das Messer zu geben?“ „Nö, ich wusste sofort, als ich ihn gesehen hab, dass das ein Schlappschwanz ist. Solche wie der mucken nicht auf. Und wenn doch, verpasst du ihnen eine, dann ist die Sache schon erledigt.“ „Es ist doch immer wieder schön, wenn man Geld verdient und dabei auch noch Spaß hat. Lass uns fahren.“, gab Maik zurück. Sie stiegen in ihr Fahrzeug und fuhren davon. Auf dem verlassenen Parkplatz blieb ein Zigarettenstummel neben der Spur aus Jens‘ Blut zurück.

2 Einsamkeit

Schon als Herrchen am Morgen das Haus verlassen hat, wusste ich, dass er heute lang wegbleiben würde und habe lautstark protestiert. Ich erkenne diese besondere Art der Aufbruchstimmung. Sie ist anders als an normalen Arbeitstagen, an denen er am Nachmittag oder am Abend zu uns zurückkehrt. Und tatsächlich kommt er erst spät in der Nacht nach Hause. Er säubert die Katzenklos, macht uns etwas zu essen und geht dann ins Bett. Das ist zu wenig! Meine Schwester und ich haben den ganzen Tag auf dich gewartet, haben dich vermisst und wollen jetzt etwas mehr Aufmerksamkeit. Ohne dich ist es langweilig. Man kann kaum etwas machen, außer aus dem Fenster schauen und schlafen. Wir wollen spielen und mit dir kuscheln. Dass du uns so abfertigst, ist gemein. Das haben wir nicht verdient. Ich bin unausgelastet und frustriert wegen dieser Ungerechtigkeit.

Wie jedes Mal, wenn er seine Katzen zurückließ, fühlte er sich schuldig. Es war schon schlimm genug, dass Zann und Banshee an Wochentagen bis zu zehn Stunden praktisch allein waren. Die Mitbewohner, welche sich bei geschlossenen Türen in ihren Zimmern aufhielten, konnten kaum als Gesellschaft für die Katzen gelten. Doch heute war er am Abend direkt nach der Schicht zu einem Spieleabend eingeladen, ebenso am morgigen Tag. Er ging eigentlich nie unter der Woche abends weg, außer er hatte am nächsten Tag Spätschicht. Nur hatten seine Freunde (konnte man sie bereits als Freunde bezeichnen oder waren sie eher Bekannte?) an Wochenenden selten Zeit. Und so hatte er sich überreden lassen, sich unter der Woche mit ihnen zu treffen. Was er nicht alles tat, um die wenigen sozialen Kontakte beizubehalten. Die Katzen hatten schon am Morgen gewusst, was los war. Besonders Zann zeigte das durch lautes Miauen, besonders als der Mann durch die Wohnungstür nach draußen ging. Alles gute Zureden und alle Streicheleinheiten hatten den kleinen Kater nicht beruhigen können, so sehr hing er an seinem Menschen. Während des Spieleabends hatte er ungefähr um 22 Uhr zum ersten Mal gefragt, wie lange sie noch spielen wollten. Die anderen hatten ihn etwas irritiert angesehen und geantwortet, sie würden frühestens in einer Stunde aufbrechen. Dann käme man vor Mitternacht nach Hause und könne danach vor dem Schlafengehen noch etwas zur Ruhe kommen. Die hatten leicht reden. Sie hatten nicht so einen weiten Weg und zu Hause hatten sie keine Verantwortung außer für sich selbst. Keine Kinder oder Haustiere, um die sie sich hätten kümmern müssen. Sie konnten zu Hause direkt ins Bett fallen. Zudem hatten sie sicherlich auch nicht so ein enormes Schlafbedürfnis. Zumindest einer von ihnen kam mit vier Stunden pro Nacht aus. Es war deutlich nach Mitternacht und er lag im Bett. Selbst wenn er sofort einschlief, würde er keine sechs Stunden Schlaf mehr bekommen und das war für ihn das Minimum, um einen Arbeitstag lang zu funktionieren. Bei weniger wurde es unangenehm. Normalerweise schlief er für ungefähr acht Stunden. Zann hingegen wollte ihm keine Ruhe gönnen. Unruhig lief er in der Wohnung herum, miaute und klapperte mit dem Trinkwassernapf. Der Kater war verständlicherweise sichtlich empört darüber, dass der Mann ihn so lang im Stich gelassen hatte und dachte nicht daran, sich schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert. Er konnte nicht einmal sagen, wie viele Stunden er geschlafen hatte. Waren es drei oder vier gewesen? Er schleppte sich zur Arbeit, schaffte es irgendwie, den Tag zu überstehen und nicht einzuschlafen. Den Spieleabend sagte er jedoch ab. Er hätte hingehen können, wäre aber nur körperlich anwesend gewesen. „Nie wieder!“, dachte er sich.

3 Isolation

In dem Schneesturm waren alle seine Sinne wertlos. Der heulende eisige Wind übertönte jedes Geräusch, Hände und Füße waren schon seit langem taub und gefühllos vor Kälte und auch wenn es nicht tiefste Nacht gewesen wäre, hätte man in dem Schneegestöber nicht die Hand vor Augen sehen können. Selbst sein Hirn schien kaum noch in der Lage zu sein, einen klaren Gedanken zu fassen. Es hätte ohnehin nichts zu sehen, hören, spüren, riechen oder schmecken gegeben als Schnee, Eis, Einsamkeit und den bevorstehenden sicheren Kältetod. Die Gewissheit, dass es noch zahlreiche andere Menschen gab, die sich genau wie er durch den hüfthohen Schnee quälten, half nicht im Geringsten. Es gab keine Möglichkeit, sie unter diesen Bedingungen zu erreichen. Hier war jeder auf sich allein gestellt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er entkräftet zusammenbrechen würde. Ein Teil von ihm wünschte sich nichts sehnlicher als genau das und das Verlangen, sich hinzusetzen oder zu legen wurde ständig stärker. Nur kurz ausruhen für einen Moment. Auch wenn das bedeutete, sich nie mehr zu erheben. Wozu überhaupt diese ganze Anstrengung? Es gab hier kein Ziel, kein Woher, kein Wohin, keine Richtung und keine Hoffnung. Es gab nichts, nur die endlose, leere lebensfeindliche Einöde.

Kaum dass er erwacht war, begann die Erinnerung an den Traum zu verblassen. Er wusste bald nur noch, dass dieser anders gewesen war als die üblichen unangenehmen Träume, in denen er sich beispielsweise mit seiner Mutter zerstritt, öffentlich bloßgestellt wurde, eine Prüfung in der Schule vergeigte oder anderweitig versagte. Seine Albträume waren typischerweise recht realitätsnah. Keine Spukgestalten, die ihn verfolgten oder Menschen, die ihn töten wollten. Nein, es waren fast immer soziale Situationen. Das Tageslicht drang durch die Vorhänge des kleinen Zimmers und die Katzen waren schon munter. Wieder einmal hatte er fast zehn Stunden geschlafen und seine pelzigen Schützlinge wurden langsam unruhig, weil sie Hunger hatten. Ihre kleinen Körper kamen naturgemäß nicht so lange ohne Nahrung aus wie der eines Menschen. Trotzdem legten sie eine Geduld an den Tag, die man von Tieren kaum erwarten würde. Er fühlte sich schuldig, sie so lange warten zu lassen. Denn wie jeden Morgen brachte er nicht die Kraft auf, nach dem Erwache zeitnah aufzustehen. Stattdessen lag er noch fast eine Stunde im Bett und sinnierte über die Dinge, die er eigentlich am heutigen Tag würde erledigen müssen. In erster Linie war das die Vorbereitung auf seine Abschlussprüfungen aber auch Aufgaben im Haushalt wie Putzen oder Wäschewaschen. Zann wurde nun doch ungeduldig und veranstaltete allerhand Unfug, um die Aufmerksamkeit seines Herrchens auf sich zu ziehen. Er zerrte Gegenstände aus dem Regal, klapperte mit dem Trinkwassernapf und miaute dazu mit seiner Stimme, die sogar mehr noch als die seiner Schwester an die eines menschlichen Kindes erinnerte. Nachdem der Mensch den Kater ausgeschimpft hatte, stand er schließlich auf und machte erst den Katzen und anschließend sich selbst Frühstück, das er lustlos in sich hineinschob. Danach rasierte er sich und putzte sich die Zähne. Ein letzter Überrest von Routine in der Ausgangsbeschränkung. Seine Ausbilderin hatte ihn von der Arbeit im Betrieb freigestellt, nicht nur aus Gründen der gesundheitlichen Sicherheit, sondern auch um ihm Gelegenheit zu geben, sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Er setzte sich an den Schreibtisch und versuchte vergeblich, zu lernen. In den letzten Tagen waren ihm jegliche Disziplin und Konzentrationsfähigkeit abhandengekommen. Zu Beginn der Corona-Krise vor mehreren Wochen hatte es noch ein paar Dinge gegeben, die ihn motiviert hatten. In erster Linie waren dies verschiedene Rollenspiele gewesen. Er war in mehreren Pen-and-Paper- und Play-by-Post-Gruppen aktiv gewesen. Er leitete sogar ein Spiel nur für die junge Frau, in die er verliebt war. Sie wusste nichts von seinen Gefühlen. Für die Dame waren sie womöglich nur Kollegen, Azubis im gleichen Betrieb, die zufällig in etwa das gleiche Alter hatten. Er hatte es geschafft, mit ihr in Kontakt zu treten und fast regelmäßig mit ihr per Messenger zu schreiben, auch wenn sie selten weniger als einen Tag für eine Antwort brauchte. Für ihn war das bereits ein kleiner Erfolg, denn er hatte es geschafft, seine Schüchternheit zumindest ihr gegenüber teilweise zu überwinden. Auf das Spiel mit ihr am Wochenende blickte er mit gemischten Gefühlen. Einerseits freute er sich, dass er sie ein wenig für eins seiner Hobbys hatte interessieren können und dass er bisher eine ganz gute Arbeit gemacht hatte, sie zu unterhalten. Andererseits löste es auch Unsicherheit und Angst in ihm aus, ob ihr seine Ideen für die Handlung und die Charaktere weiterhin zusagen würden und nicht zuletzt ob sie ähnlich für ihn als Person empfand wie er für sie. Grundsätzlich waren Rollenspiele jedenfalls für ihn der ultimative Eskapismus. Er genoss es, für eine Weile in eine fiktive Welt einzutauchen, in der vieles deutlich einfacher erschien als in der echten. Und so gab es manchmal noch Zeiten, in denen er sich dazu aufraffen konnte, produktiv zu sein, auch wenn sie zunehmend seltener wurden. Dieser Tag zählte jedoch nicht dazu. Er las nun schon zum bestimmt zehnten Mal dieselben Zeilen seiner Notizen im Berufsschulordner, ohne dabei auch nur ein einziges Wort aufgenommen zu haben. Es war zwecklos. Er schob den Ordner beiseite. Er würde es später noch einmal versuchen. Oder morgen. Wem machte er eigentlich etwas vor? Später würde es genauso wenig besser sein wie morgen. Er seufzte leise und sank kraftlos auf dem Stuhl zusammen. Was sollte er jetzt tun? Er wusste nicht, wie das alles weitergehen sollte. Er lag weit hinter dem Pensum zurück, das er rein rechnerisch bei gleichmäßigem Lerntempo erreichen müsste, um auch nur einigermaßen für die Prüfungen vorbereitet zu sein und es schien keine Besserung seiner geistigen Leistungsfähigkeit in Sicht. Ob es wohl helfen würde, über seine Probleme zu sprechen? Es wurde immerhin empfohlen, auch in der Ausgangsbeschränkung Kontakt mit anderen Menschen zu halten. Aber mit wem? Zu seinen Eltern und seiner restlichen Familie hatte er kein allzu vertrauenswürdiges Verhältnis und den wenigen Freunden, zu denen er noch Kontakt hatte, vertraute er kaum jemandem so sehr, dass er ihnen Einblick in seine Seele gewähren wollte. Sicher, er hatte mehreren Personen gegenüber erwähnt, dass er Schwierigkeiten hatte, sich aufs Lernen zu konzentrieren. Aber sich ihnen vollkommen zu öffnen und ihnen die wahren Gründe dafür zu nennen, dazu hatte er sich nicht überwinden können. Zu tief saß seine Angst vor Ablehnung und davor, anderen zur Last zu fallen. Denn nach wie vor waren psychische Krankheiten mit einem Stigma behaftet oder sie wurden schlicht falsch oder überhaupt nicht verstanden. Und je schlechter es ihm ging, desto weniger Mut hatte er, überhaupt mit anderen Kontakt aufzunehmen. War die coronabedingte Isolation für normale Menschen unangenehm, so war sie für Depressive die Hölle auf Erden. Erst recht, wenn die depressive Episode von einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung herrührte. Man stelle sich vor: Eine Person ist ohnehin schon extrem unsicher, ängstlich, schüchtern, hat sehr wenig Selbstbewusstsein und Schwierigkeiten vor allem in sozialen Situationen. Hinzu kommt, dass all jene Ängste verschlimmert werden und das Selbstwertgefühl endgültig niedergemacht wird durch Depression. Und nun bricht das Bisschen Halt im Leben in Form eines geregelten routinierten Tagesablaufs und regelmäßiger sozialer Kontakte durch die Arbeit plötzlich weg. Was bleibt da noch übrig? In seinem Falle war es ein Antidepressivum und die Verantwortung seinen Haustieren gegenüber, welche ihn am Laufen hielten. Dabei war er vor der Pandemie auf einem guten Weg gewesen. Die Depression fast überstanden mit lediglich einzelnen Tagen der Niedergeschlagenheit und die Psychotherapie (insgesamt die zweite in seinem Leben) fast abgeschlossen. Nun saß er hier, unschlüssig. Sollte er noch einmal versuchen, zu lernen, auch wenn er wusste, dass es sinnlos war? Mehrere Minuten lang schaute er den Ordner an und versuchte die Kraft aufzubringen, die Hand zu heben und ihn zu sich zu ziehen. Schließlich gelang es ihm und als er diesmal dieselbe Passage las, hatte er fast den Eindruck, dass ein kleiner Teil der von seinen Augen aufgenommenen Information sein Gehirn erreichte und dort verarbeitet und gespeichert wurde. Da regte sich neben ihm auf dem Kratzbaum etwas. Kurz darauf kamen Banshee und Zann, die sich ihrer Gewohnheit gemäß nach dem Frühstück schlafen gelegt hatten, über den Schreibtisch spaziert, streckten sich noch etwas verschlafen und blickten ihn erwartungsvoll an. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es Zeit für das Mittagessen war. Also erhob er sich schwerfällig und bereitete den Katzen ihre Mahlzeit zu. Er selbst hatte keinen Appetit. Hunger verspürte er zwar, jedoch wäre der Aufwand, etwas zuzubereiten, zu viel für ihn gewesen. Außerdem: Verdiente er es überhaupt, zu essen, wenn er doch ohnehin nichts Produktives tat? Ja, während andere in der Quarantäne Hobbys nachgingen, für die sie sonst keine Zeit hatten, saß er herum und war nicht im Stande irgendetwas fertigzubringen. Er hatte zwar zahlreiche Interessen und Talente, doch seine eigene Unentschlossenheit hatte immer verhindert, dass er sich auf eine Sache spezialisierte. Er konnte es einfach nicht über sich bringen, die anderen Dinge, welche ihm am Herzen lagen, zu vernachlässigen. Er hätte Musiker werden können oder Wissenschaftler oder Sportler, denn er war normalerweise kreativ, musikalisch, sportlich, gebildet und fleißig. Jedoch war er immer einer derjenigen gewesen, die alles ein bisschen, aber nichts richtig konnten. Und so musste er mit ansehen, wie er auf allen Seiten, in allen Bereichen von den Spezialisten übertrumpft wurde. Wie gerne würde er Schlagzeug in einer Band spielen. Ein paar seiner Freunde in seiner ehemaligen Heimatstadt hatten eine Band. Aber er war nicht gut genug, weil er erst vor wenigen Jahren mit dem Erlernen dieses Instruments begonnen hatte und kaum Zeit zum Üben hatte, weil er arbeitete, sich um die Katzen kümmern musste und weil er viel, mittlerweile sogar zu viel schlief. Aus ähnlichen Gründen konnte er auch nicht Sport in einem Verein machen, nur dass hierbei noch eine hartnäckige Entzündung seiner Achillessehnen hinzukam. Er war sich sicher, dass der Heilprozess maßgeblich durch seine psychosomatische Verfassung verlangsamt wurde. Von seinem gescheiterten Studium brauchte er gar nicht erst anzufangen. Den Erfolg der anderen und gleichzeitig den eigenen Misserfolg zu sehen, war entmutigend und nahm ihm die Freude an allem, was ihm etwas bedeutete. Natürlich war das Einstellungssache und somit ein weiterer Punkt, in dem er versagt hatte, denn er schaffte es nicht, eine gesunde Einstellung zu sich selbst herzustellen oder sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Unwillkürlich kamen ihm unzählige Situationen in den Sinn, in denen er Fehler gemacht hatte. Meistens waren das Gespräche gewesen, in denen er etwas Seltsames oder Falsches gesagt hatte. Diese Erinnerungen hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Besonders fatal erschienen ihm jene Begebenheiten, in denen seine heimliche Angebetete anwesend gewesen war. Womit er wieder bei dem Thema angekommen war, das ihm mindestens ebenso viel Sorge bereitete wie die Prüfungen. Er hatte Angst. Nicht nur davor, dass seine Gefühle nicht erwidert wurden, sondern auch vor einer möglichen Beziehung. Das eine wirkte auf ihn so furchteinflößend wie das andere. Die Furcht davor, dass eine geliebte Person umgekehrt nicht ebenso fühlt, konnte wohl jeder nachvollziehen. Doch er stellte sich die Frage, ob er es überhaupt verdiente, geliebt zu werden und ob seine potenzielle Partnerin mit ihm glücklich sein konnte. Schon einmal war er in einer Beziehung gewesen, die sich mit seiner ersten richtigen depressiven Episode überschnitten hatte. Es war für seine damalige Freundin definitiv nicht leicht gewesen, mit ihm zusammen zu sein und er wusste nicht, ob er das noch einmal jemandem zumuten wollte. Vielleicht war es doch besser, alleine zu bleiben und so unnötiges Leid bei anderen zu vermeiden. Er war zu nichts zu gebrauchen und seine Freude an allem wurde getrübt, bis sie sich nur noch selten erahnen ließ und bestenfalls kaum aus mehr als einer Erinnerung an bessere Zeiten bestand. Welchen Sinn hatte sein Leben überhaupt noch, abgesehen davon, dass er zwei Katzen am Leben halten musste? Draußen schien die Sonne und laut Thermometer war es warm. Der Frühling hielt Einzug. Ihm war kalt hier drin.

TRIGGER-WARNUNG:

Die Geschichte enthält teils drastische Beschreibungen von Gewalt gegen Tiere und Menschen sowie von psychischen Krankheiten und Suizid. Sensible Personen sollten sich gut überlegen, ob sie sich diese Geschichte zumuten möchten.

Wenn du selbst Suizidgedanken hast, suche dir professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten, Psychiater oder deinem Hausarzt.

Oder wende dich an die Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 (Deutschland) 142 (Österreich) 143 (Dargebotene Hand/Schweiz)

4 Make a change… kill yourself

Mit jedem Schritt sank er knietief in den Morast ein. Das Vorwärtskommen im Sumpf war langsam und mühsam. Sein Sichtfeld wurde vom dichten Nebel beherrscht. Nur ab und zu tauchte die gespenstische Silhouette eines Findlings oder eines kahlen toten Baumes im Schummerlicht auf. Abgesehen von den matschigen Geräuschen seiner eigenen Schritte, die von der feuchten Luft gedämpft wurden, war es totenstill. Jemand rief nach ihm. Es klang wie die Stimmen von zwei Kindern.

Zwei Stunden hatte er wach im Bett gelegen, bevor er Banshee und Zann von ihrem Hunger erlöst und ihnen Frühstück gemacht hatte. Seit Tagen hatte er immer wieder Kopfschmerzen und Verdauungsstörungen. Aber das allein wäre nicht so schlimm gewesen. Körperliche Schmerzen machten ihm meist wenig aus. Es war das seelische Leid, das ihm zusetzte. Jetzt saß er mit leerem Blick in seinem Zimmer und grübelte. Seine Flamme, für die er vorgestern Abend ein Rollenspiel hatte leiten sollen, hatte kurzfristig abgesagt. Sie habe gar nicht so richtig Lust darauf und das sei wohl nicht die geeignete Einstellung, um zu spielen, womit sie objektiv betrachtet nicht einmal unrecht hatte. Es tue ihr sehr leid und sie hoffe, er würde es ihr nicht übelnehmen. Er hatte ihr geantwortet, dass das zwar sehr schade sei, er es ihr aber nicht übelnehme. Es war keine wirklich große Überraschung gewesen. Er war sich dessen bewusst, dass Rollenspiel ein recht spezielles Hobby war, zu dem viele, bisweilen selbst langjährige Spieler, keinen richtigen Zugang fanden. Aber er hatte die leise Hoffnung gehabt, dass sie das ganze nicht nur als reinen Zeitvertreib sah, sondern auch Zeit mit ihm verbringen wollte. Somit war es für ihn eine der größten Enttäuschungen gewesen, die er sich vorstellen konnte. Dabei hatte es durchaus Anzeichen gegeben, dass sie sich nicht in dem Maße für ihn interessierte wie er für sie. Beispielsweise dass sie eine ihrer Sitzungen vergessen hätte, wenn er sie nicht am selben Morgen angeschrieben hätte, um eine genaue Uhrzeit festzulegen. Oder dass ihre Gespräche meist recht oberflächlich blieben und auch etwas gezwungen wirkten. Er hatte sich bemüht, die Konversationen am Laufen zu halten, obwohl ihm das generell sehr schwerfiel, aber er hätte doch den Eindruck gewinnen müssen, dass ihr daran deutlich weniger lag als ihm. Immerhin wurde ihm nun die Entscheidung abgenommen, ob er es einer potenziellen Partnerin zumuten wollte, ein nutzloses depressives Stück Scheiße, wie er eines war, zu ertragen. Seit besagtem Abend konnte er kaum an etwas anderes als Suizid und seine eigene Unzulänglichkeit denken. Schon zuvor hatte es schlecht um ihn gestanden, aber einen letzten Rest Hoffnung auf ein wenig Licht in seinem Leben hatte es doch noch gegeben. Nun war auch diese Hoffnung erloschen. Wozu also noch leben, wenn das Leben einem nichts mehr zu bieten hatte? Es war doch ohnehin aus utilitaristischer Sicht besser, wenn es weniger Menschen auf dem Planeten gab. Klimawandel, Atomwaffen, bewaffnete Konflikte, Armut und Hunger, all das wäre weitaus weniger verheerend mit einer geringeren Anzahl an Individuen der Spezies Homo Sapiens. Er verachtete die Menschheit für all das Leid, das sie verursachte und gleichzeitig konnte er keinen einzelnen Menschen verachten, dem er gegenüberstand. Es wäre ihm also niemals möglich, die Anzahl der Menschen aktiv zu reduzieren, so vernünftig es auf globaler Ebene auch sein mochte, außer in einem einzigen Fall: Er konnte seinem eigenen Leben ein Ende setzen. Lediglich die Verantwortung seinen Katzen gegenüber hinderte ihn daran, vollends dieser Überzeugung gemäß zu handeln. Aber was, wenn auch sie nicht mehr lebten? Was, wenn das schon sehr bald der Fall war? Dann hielte ihn nichts mehr in dieser Welt. Es wäre so einfach. Eine entschlossene Bewegung und es wäre vorbei mit Banshee und Zann. Kurz und schmerzlos. Vor seinem geistigen Auge sah er seine Katzen – seine Schützlinge, Familienmitglieder – die ihm fast blind vertrauten und in ihm eine Ersatzmutter sahen, mit unnatürlich verdrehten Wirbelsäulen reglos und kalt vor ihm auf dem Boden liegen. Nein, niemals wäre er dazu im Stande! Wie grausam, wie herzlos war er, so etwas überhaupt zu denken? Sein Kiefer verkrampfte sich, er ballte die Fäuste, jeder Muskel seines Körpers war angespannt. Aber nur für einen kurzen Moment, bis ihn wieder die vertraute lähmende Trägheit überkam. Und wie so oft in den letzten Tagen wünschte er sich auch in diesem Moment, jemand möge ihn erschießen oder mit einem schweren Fahrzeug überfahren. Oder besser: ihn von unten nach oben aufschlitzen und langsam ausweiden, denn er hatte keinen leichten oder schnellen Tod verdient.

Er stand an der Klippe. Schätzungsweise dreißig Meter unter sich brandete das Meer gegen die zerklüfteten Felsen. Gleich würde sich das Wasser mit seinem Blut vermischen. Alles Leben kam aus dem Meer und dorthin würde er zurückkehren und dem Wasser dieses Leben zurückgeben, indem er es hier beendete. Noch zögerte er. Er hatte Angst vor großen Höhen. Während er am ganzen Leib zitterte rief er sich ins Gedächtnis, was er hinter sich lassen wollte. All die Pein, jede Erniedrigung und jeden Fehler, den er in seinem Leben gemacht hatte. „Forward, the Light Brigade!“, murmelte er zu sich. Dann Sprang er. Und fiel. Doch der erwartete Aufprall kam nicht. Etwas hatte ihn umschlossen und aufgefangen. Etwas Warmes und Weiches.

Es war noch dunkel und mitten in der Nacht, als ihn etwas aus dem Traum weckte. Er lag seitlich im Bett so wie immer, die Beine leicht angewinkelt, beinahe in Fötusposition. Zwischen seinen Oberschenkeln, Kniekehlen und Waden spürte er den kleinen Körper von Zann, der sich dort zum Schlafen zusammengerollt hatte. Als er die Augen aufschlug, sah er im schwachen Licht, das die Straßenlaterne vor dem Fenster durch die Vorhänge warf, ein weißes Gesicht direkt vor sich, unter der Nase die charakteristische schwarze Verfärbung, die an einen Schnauzbart erinnerte. Banshee blickte ihn mit großen runden Augen an und als sie erkannte, dass er wach war, zupfte sie erneut mit ihrer Pfote an der Bettdecke. Der Mann verstand und hob die Decke an, sodass die Katze darunterkriechen konnte. Dort rollte sie sich zusammen und schmiegte sich an seinen Bauch. Er konnte ihr weiches Fell und ihre Körperwärme spüren und wenige Augenblicke später auch die Vibration ihres Schnurrens.